Auf dieser Seite 7 Abschnitte
Kurzantwort
Die Tariffindung wählt aus, welcher Tarif für ein Zählwerk gilt. Dazu verbindet sie den Rate Type am Zählwerk mit der Tarifkategorie der Anlage. Das System liest diese Kombination aus einer Customizing-Tabelle und führt die Tariffindung historisch. Die Tarifierung rechnet danach die Tarifschritte ab. Diese Tarifschritte sind Variantenprogramme mit Preisen und Operandenwerten. Die Reihenfolge steuert das Abrechnungsschema, das Ergebnis ist eine Rechnungszeile mit Menge, Preis und Betrag.
Einordnung: Zwei Schritte, zwei Zuständigkeiten
Die Abrechnung im Versorgungsunternehmen beantwortet pro Vertrag eine Frage: Welcher Betrag folgt aus welcher Menge zu welchem Preis in welchem Zeitraum? SAP Utilities trennt diese Frage in zwei Vorgänge.
Tariffindung ist eine Auswahlentscheidung. Sie bestimmt, welches Preismodell für eine Messstelle überhaupt zuständig ist. Tarifierung ist die Rechnung selbst. Sie wertet das gefundene Preismodell auf die gemessenen Mengen aus.
Diese Trennung hält Preisanpassungen im Betrieb ruhig. Die Stammdaten von Zählwerken und Anlagen bleiben unverändert. Ab einem neuen Ab-Datum ermittelt die historisch geführte Tariffindung einfach einen anderen Tarif. Den Rate Type und die Tarifkategorie ändern Sie dafür nicht (SAP Learning, Abrechnung und Fakturierung ausführen, Tariffindung).
Diese Ebene hängt am Vertrag und an der Anlage, nicht am Kunden. Die Abrechnung läuft auf Vertragsebene. Die Fakturierung bündelt danach auf Vertragskontoebene mehrere Verträge zu einem Beleg (SAP Learning, Understanding Invoicing in SAP Utilities). Wer einen Rechnungsbetrag prüft, klärt deshalb zuerst, ob er einen Tarifierungsfehler sieht oder die Bündelung mehrerer Abrechnungen.
Das Modell: von der Messung zur Rechnungszeile
Die folgende Grafik zeigt die Kette in der Reihenfolge, in der ein Abrechnungslauf sie abarbeitet. Jeder Kasten ist ein Datenobjekt, kein Arbeitsschritt einer Person.
Welche Objekte liefern die Eingangswerte?
Der Rate Type klassifiziert das Zählwerk für die Abrechnung. Typische Beispiele sind Spitzentarif Wirkarbeit, Niedertarif Wirkarbeit, Spitzensatz Blindarbeit oder Gasverbrauch (SAP Learning, Understanding Billing Processes and Master Data). Normalerweise tragen Sie den Rate Type im Zählwerk ein. Alternativ hängt er an einem Gerät ohne Zählwerke, an Fakten oder an Referenzwerten. So rechnen Sie Straßenleuchten oder Pauschalanlagen ab.
Die Tarifkategorie klassifiziert die Anlage. Sie trägt die Verarbeitungssteuerung für die Abrechnung: Abrechnungsschema, Steuerung von Endabrechnung und Nachberechnung, Aussteuerungsprüfungen. In der Tarifkategorie liegen außerdem die vereinbarten Mengen, Leistungen, Preise und Pauschalen (SAP Learning, Abrechnung und Fakturierung ausführen, Tariftyp).
Der Tarif ist das Ergebnis der Tariffindung. Er bündelt mehrere Tarifschritte. Jeder Schritt entspricht einem oder mehreren Variantenprogrammen. Das sind kleine, unabhängige Programme für elementare Berechnungsschritte. Manche Varianten berechnen abrechnungsrelevante Werte und erzeugen Rechnungszeilen. Andere setzen nur Werte um und stellen das Ergebnis nachfolgenden Varianten bereit.
Das Abrechnungsschema legt die Reihenfolge fest, in der die Variantenprogramme der abzurechnenden Tarife ausgeführt werden. Alle Tarife, die im selben Vertrag oder an derselben Anlage gemeinsam abgerechnet werden können, gehören in ein Schema. Ein Schema kann einen oder mehrere Tarife enthalten (SAP Learning, Abrechnung und Fakturierung ausführen, Schema).
Woher kommen Preise und Werte?
Preise legen Sie normalerweise auf Tarifebene an, das System schlägt den passenden Tarifpreis vor. Die Preistypen sind von SAP vorgegeben und nicht änderbar, weil sie intern die Datenverarbeitung steuern. Neben Standardeinzelpreisen gibt es Staffel- und Zonenpreise. Block- und Staffelgrenzen pflegen Sie in den historischen Daten.
Operanden verbinden abzurechnende Werte mit den Variantenprogrammen. Jeder Operand gehört zu einem Operandentyp und einer Sparte. Der Operandentyp bestimmt die Funktionalität. Das Variantenprogramm legt fest, welche Operandentypen als Ein- und Ausgabeoperanden zulässig sind. Das System enthält 20 von SAP vordefinierte Operandentypen, die nicht geändert werden können.
Operandenwerte stehen in der Regel in den Tariffakten und gelten damit auf Tarifebene. Tarifkategorie-Fakten und Anlagefakten haben Vorrang vor den Tariffakten. Auf der Anlagefaktenebene stehen individuelle Werte wie Verbindungswerte oder Personenzahlen. Auf den Ebenen Tariffakt und Tarifkategorie-Fakt erfassen Sie zusätzlich Wiederbeschaffungswerte. Operandenwerte dürfen historisch überschrieben werden. So erhält eine einzelne Anlage für einen Monat einen anderen Preisschlüssel, in den übrigen Monaten gilt der Wert aus den Tariffakten (SAP Learning, Abrechnung und Fakturierung ausführen, Operanden).
Der Ablauf des Abrechnungslaufs
SAP Learning beschreibt sechs Schritte. Die ersten beiden laufen vor jeder Tarifierung und erklären viele Fehlerbilder:
- Datensammlung und Analyse. Alle für die Abrechnung nötigen Daten werden zusammengeholt.
- Proportionalisierung. Haben sich Abgaben, Preise oder Steuern innerhalb des Abrechnungszeitraums geändert, wird der abrechnungsrelevante Wert, etwa der Verbrauch, zum Änderungsdatum aufgeteilt.
- Mengenumrechnung. Die abzurechnenden Mengen entstehen aus den Ableseergebnissen. Zählerfaktoren, Wandlerverhältnisse und Umrechnungen für die thermische Gasabrechnung fließen ein.
- Mengenbewertung. Erst hier laufen Tarife und ihre Variantenprogramme auf Basis des Abrechnungsschemas.
- Prüfung der Abrechnungsergebnisse.
- Erzeugung der Abrechnungsbelege, also der Rechnungszeilen (SAP Learning, Understanding Billing Processes and Master Data).
Für die Fehlersuche ist die Reihenfolge entscheidend. Ein falscher Betrag entsteht längst nicht immer in Schritt 4.
Konkretes Beispiel: Haushalt mit Hoch- und Niedertarif
Das folgende Beispiel ist ein vereinfachtes Lernmodell mit frei gewählten Zahlen. Es zeigt die Logik, keine Marktwerte.
Ein Haushaltskunde hat einen Doppeltarifzähler und keine Leistungsmessung, also zwei Zählwerke. Das Hochtarif-Zählwerk trägt den Rate Type „Spitzentarif Wirkarbeit”, das Niedertarif-Zählwerk „Niedertarif Wirkarbeit”. Die Anlage trägt die Tarifkategorie „Haushalt ohne Leistungsmessung”. Diese Kombination führt die Tariffindung zu zwei Tarifen: Haushaltstarif Hoch und Haushaltstarif Niedrig (SAP Learning, Understanding Billing Processes and Master Data).
Beide Tarife liegen in einem gemeinsamen Abrechnungsschema. Der Abrechnungszeitraum umfasst 365 Tage. Der Arbeitspreis beträgt 0,32 €/kWh im Hochtarif und 0,24 €/kWh im Niedertarif. Der Grundpreis von 96,00 € pro Jahr liegt im Hochtarif-Tarifschritt.
| Schemaschritt | Variantenprogramm | Eingangswert | Rechnung | Ergebnis |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Grundpreis ermitteln | 365 Tage, Jahrespauschale 96,00 € | 96,00 € × 365 / 365 | 96,00 € |
| 2 | Menge × Preis (Hochtarif) | 1.800 kWh, 0,32 €/kWh | 1.800 × 0,32 | 576,00 € |
| 3 | Menge × Preis (Niedertarif) | 1.200 kWh, 0,24 €/kWh | 1.200 × 0,24 | 288,00 € |
| 4 | Steuer aufschlagen | 960,00 €, 19 % | 960,00 × 0,19 | 182,40 € |
| Rechnungszeilen gesamt | 1.142,40 € |
Drei Beobachtungen dazu:
- Der Grundpreis braucht keine Menge. Bei pauschalen Leistungen wird nichts gemessen. Sie definieren stattdessen einen Ersatzwert für die Auswertung. Beispiele sind die Anzahl der Kabelverbindungen oder die Anzahl der Straßenleuchten (SAP Learning, Abrechnung und Fakturierung ausführen, Pauschalen).
- Der Jahresbetrag wird anteilig gerechnet, weil der Abrechnungszeitraum nicht zwingend ein Kalenderjahr ist. Diese Proportionalisierung steckt in Schritt 2 des Abrechnungslaufs.
- Jede Zeile braucht einen statistischen Tarif. Für alle Tarifschritte, die Abrechnungszeilen erzeugen, muss ein statistischer Tarif angegeben sein. Er wird in die Rechnungszeile geschrieben und dient der Analyse der Abrechnungsbelege. Fehlt er, ist die spätere Auswertung einer Rechnung deutlich mühsamer.
Folgen und Fehlerfälle
Die folgende Prüftabelle ordnet typische Symptome der Ebene zu, auf der sie entstehen. Sie ersetzt keine Anwendungsprotokolle, verkürzt aber den Weg dorthin.
| Symptom | Wahrscheinliche Ebene | Was zu prüfen ist |
|---|---|---|
| Betrag zu hoch, Menge plausibel | Preis oder Preisart | Staffel- oder Zonenpreis, Ab-Datum, falsche Preisart |
| Betrag verteilt sich falsch über den Zeitraum | Abrechnungslauf, Schritt 2 | Proportionalisierung bei Preisen, Abgaben oder Steuern im Zeitraum |
| Menge zu hoch, Preis plausibel | Abrechnungslauf, Schritt 3 | Zählerfaktor, Wandlerverhältnis, Gasumrechnung |
| Rechnungszeile fehlt ganz | Tarifschritt oder Schema | Ist der Schritt als optional gekennzeichnet? Ist er im Schema enthalten? |
| Abrechnung bricht mit Fehler ab | Operandenwerte | Fehlt ein Operandenwert für den gesamten Zeitraum des Schritts? |
| Tarif passt nicht zum Zählwerk | Tariffindung | Rate Type am Zählwerk, Tarifkategorie der Anlage, Ab-Datum |
| Straßenleuchten ohne Zählwerk nicht abrechenbar | Ersatzwertbildung | Referenzwerte oder Ersatzwerte hinterlegt? |
| Kunde sieht einen anderen Betrag als der Vertrag | Fakturierung, nicht Tarifierung | Werden mehrere Verträge auf einem Vertragskonto gebündelt? |
Ein Sonderfall verdient Aufmerksamkeit. Kann das System keinen Operandenwert ermitteln, bricht es die Abrechnung ab und schreibt einen Fehler ins Anwendungsprotokoll. Die Ausnahme gilt nur bei einem Tarifschritt, der im Tarif als optional gekennzeichnet ist. Dann entfällt der Schritt und die Verarbeitung läuft mit dem nächsten Schemaschritt weiter. Ein Schemaschritt läuft ohnehin nur vollständig, wenn alle Eingabeoperanden für den gesamten abgedeckten Zeitraum mit Werten versorgt sind (SAP Learning, Abrechnung und Fakturierung ausführen, optionale Schritte). Diese Regel ist die häufigste Ursache für einen Abbruch mitten im Massenlauf.
Ein zweiter Sonderfall betrifft die Auswertung. Die historische Tariffindung macht Tarifwechsel und Preisänderungen einfach. Wer eine Preisänderung in den Stammdaten der Anlage oder des Zählwerks sucht, sucht an der falschen Stelle.
Typische Missverständnisse
Rate Type und Tarifkategorie sind austauschbar. Sie sind es nicht. Der Rate Type hängt am Zählwerk und beschreibt, was gemessen wird. Die Tarifkategorie hängt an der Anlage und steuert, wie abgerechnet wird. Erst die Kombination führt zum Tarif.
Der Tarif ist das Preismodell. Der Tarif ist das Ergebnis der Tariffindung. Das Preismodell entsteht aus Tarifschritten, Variantenprogrammen und Operandenwerten. Der Tarif bündelt diese Bausteine nur.
Das Abrechnungsschema ist eine technische Hilfsstruktur. Das Schema legt die Verarbeitungsreihenfolge fest und damit das Ergebnis. Manche Varianten berechnen Werte, andere setzen nur Werte um. Eine vertauschte Reihenfolge liefert einen plausibel aussehenden, aber falschen Betrag.
Ein fehlender Operandenwert fällt auf. Er fällt oft nur als Abbruch eines Massenlaufs auf. Steht kein Wert zur Verfügung und ist der Schritt nicht optional, endet die Abrechnung des betroffenen Vertrags mit einem Eintrag im Anwendungsprotokoll.
Preise und Preistypen sind frei konfigurierbar. Preise pflegen Sie fachlich. Die Preistypen gibt SAP vor, weil sie intern die Datenverarbeitung steuern.
Die Abrechnung ist schon die Rechnung. Die Abrechnung läuft auf Vertragsebene. Die Fakturierung bündelt auf Vertragskontoebene mehrere Verträge, Leistungen und Zeiträume zu einem Beleg. Eine Kundenrechnung ist deshalb kein Eins-zu-eins-Abbild einer Tarifierung.
Quellen und Pflegehinweis
Dieser Artikel stützt sich auf die SAP-Lerninhalte zu den Abrechnungsprozessen und Abrechnungsstammdaten in SAP S/4HANA Utilities sowie auf die Produktdokumentation „Contract Billing” im SAP Help Portal. Der Stand dieser Prüfung ist der 22. September 2026.
Die fachliche Logik ist stabil, ebenso die Qualifizierung von Rate Type, Tarifkategorie, Schema, Operand und Variantenprogramm. Drei Teile bleiben versionsabhängig und gehören bei einem Releasewechsel erneut geprüft:
- Transaktionen und Customizing-Pfade. Der Artikel nennt bewusst keine Transaktionscodes und keine Tabellennamen. Diese Angaben unterscheiden sich zwischen Release, Branchenkomponente und kundenspezifischem Customizing.
- Kundenspezifische Operanden und Varianten. Die 20 vordefinierten Operandentypen von SAP sind nicht änderbar. Anzahl und Belegung der kundeneigenen Operanden, Varianten und Faktengruppen hängen vom Einführungsprojekt ab.
- Fakturierungsebene. Laufen mehrere Abrechnungen oder Abrechnungssysteme auf einem Vertragskonto zusammen, wandert die Frage vom Tarif in das Abrechnungs- und Fakturierungsdesign.
Primärquellen zum Nachlesen
- SAP Learning – Abrechnung und Fakturierung ausführen (SAP S/4HANA Utilities)learning.sap.com
- SAP Learning – Understanding Billing Processes and Master Data in SAP Utilitieslearning.sap.com
- SAP Learning – Understanding Invoicing in SAP Utilitieslearning.sap.com
- SAP Help Portal – Utilities Product, Contract Billing (SAP S/4HANA on premise)help.sap.com