Messwerte und Messprodukte

Messwesen & Smart Metering

Messrichtungen Bezug und Einspeisung verstehen

Wie Bezug und Einspeisung messtechnisch unterschieden, als Wirkarbeit übermittelt und in Marktkommunikation und Abrechnung verwendet werden.

Moderner Zählerschrank mit digitalem Stromzähler und Smart-Meter-Gateway
Messung wird erst durch Kennungen, Rollen und Datenflüsse zum Marktprozess.
Auf dieser Seite 7 Abschnitte

Kurzantwort

Bezug bedeutet: Elektrische Energie fließt aus dem öffentlichen Netz zur Anlage. Einspeisung bedeutet: Energie fließt von der Anlage in das öffentliche Netz. Die Messrichtung beschreibt damit die Richtung des Energieflusses am Messpunkt – nicht automatisch die Richtung eines Vertrags oder die Eigentümerrolle.

Ein Zweirichtungszähler erfasst Bezug und Einspeisung getrennt. In der Marktkommunikation werden dafür unterschiedliche Messgrößen verwendet. Die BNetzA-OBIS-Codeliste unterscheidet unter anderem Wirkarbeit Bezug (+) und Wirkarbeit Lieferung (-). Die konkreten Kennzahlen und Messprodukte richten sich nach dem jeweils gültigen Formatstand.

BezugEinspeisungÖffentliches NetzMesseinrichtungan der MeLoAnlage / ErzeugungMesswerte mitRichtung und ZeitbezugMSB-AufbereitungAbrechnung,Bilanzierung,Marktkommunikation
Die Messrichtung entsteht aus dem physikalischen Energiefluss am Netzanschlusspunkt und wird getrennt an die zuständigen Prozesse übergeben.

Die beiden Richtungen

Begriff Energiefluss Typische Bedeutung Marktkommunikatorische Sicht
Bezug / Entnahme Netz → Anlage Verbrauch wird aus dem Netz gedeckt Wirkarbeit Bezug (+)
Einspeisung / Lieferung Anlage → Netz Überschuss oder Erzeugung wird abgegeben Wirkarbeit Lieferung (-)

Die Plus- und Minuszeichen in OBIS-Bezeichnungen sind Vorzeichenkonventionen der Messgröße. Sie bedeuten nicht, dass ein Zählerstand negativ werden muss. Viele Zähler führen für die beiden Richtungen getrennte Register oder Kanäle mit jeweils nichtnegativen Zählerständen.

Ein Haushalt mit Photovoltaikanlage kann innerhalb eines Tages beide Richtungen aufweisen: morgens und abends Bezug, mittags bei Überschuss Einspeisung. Entscheidend ist der Energiefluss am vereinbarten Messpunkt, nicht die Momentaufnahme einzelner Geräte hinter dem Zähler.

Abgrenzung der Fachobjekte

Die Messrichtung darf nicht mit den Marktobjekten verwechselt werden. Eine Anlage erzeugt oder verbraucht Energie. Die Messlokation (MeLo) ist der Ort beziehungsweise die technische Konstellation, an der Messwerte ermittelt werden. Die Marktlokation (MaLo) ist das Marktobjekt, dem Energiemengen und Marktprozesse zugeordnet werden. Eine MaLo kann über mehrere Messlokationen abgebildet werden.

Objekt Wofür steht es? Bezug zur Messrichtung
Anlage Technische Einheit, etwa PV-Anlage, Speicher oder Verbrauchsanlage kann Bezug, Einspeisung oder beides verursachen
MeLo Ort/Einrichtung der Messwerterhebung erfasst die Richtung technisch
MaLo Marktobjekt für Zuordnung und Abrechnung erhält die fachlich zugeordneten Mengen
Messrichtung Richtung des Energieflusses Eigenschaft eines Messwerts oder Messkanals
Vertrag Rechtliche/geschäftliche Vereinbarung regelt etwa Lieferung, Netznutzung oder Vergütung; ist keine Messrichtung
Kunde Vertragspartner oder Anschlussnutzer kann zugleich Bezugskunde und Einspeiser sein
Praxis-Hinweis

Prüfe bei einer Abweichung immer drei Dinge getrennt: Ist die technische Richtung am Zähler korrekt? Ist der Messwert der richtigen MeLo zugeordnet? Wurde die Menge anschließend der richtigen MaLo und dem passenden Vertrag zugeordnet? Ein korrekter Zählerstand an der falschen MaLo bleibt fachlich falsch.

Zweirichtungsmessung und Messkonzept

Bei einer Erzeugungsanlage mit Netzbezug braucht die Abrechnung meist mindestens eine getrennte Erfassung der beiden Richtungen. Je nach Anschluss- und Messkonzept können weitere Messungen hinzukommen, zum Beispiel ein Erzeugungszähler, ein Speicherzähler oder eine Kaskadenmessung. Das Messkonzept legt fest, welche Energiemengen an welchen Messlokationen entstehen und wie sie rechnerisch zugeordnet werden.

ÜberschussBezugPV-AnlageHausnetzZweirichtungszählerMeLoNetzVerbraucherMaLo BezugMaLo Einspeisung
Ein typisches Messkonzept mit PV-Anlage und Verbrauch: Der Netzbezug und die Rückspeisung werden am Netzverknüpfungspunkt getrennt erfasst.

Die Grafik ist ein vereinfachtes Beispiel. Ob eine oder mehrere MaLos, MeLos und Verträge verwendet werden, hängt vom konkreten Anschluss, Messkonzept und den Vorgaben des Netz- und Messstellenbetreibers ab. Aus einem Anlagenfoto lässt sich diese Zuordnung nicht zuverlässig ableiten.

Von der Messung zur Abrechnung

Der Messstellenbetreiber erfasst die Werte an der Messlokation, plausibilisiert sie und übermittelt sie mit Zeitbezug, Messgröße und Status. In den standardisierten Datenformaten wird die Richtung über die Messgröße und die zugehörige OBIS-Kennzahl beziehungsweise das Messprodukt kenntlich gemacht. Der Lieferant nutzt Bezugswerte für die Verbrauchsabrechnung; Einspeisewerte werden je nach Modell für Vergütung, Abrechnung und Bilanzierung weiterverarbeitet.

Prüffeld Leitfrage
Richtung Fließt die Energie zum Netz oder vom Netz zur Anlage?
Messpunkt Ist die MeLo technisch richtig identifiziert?
Zuordnung Gehört der Wert zur erwarteten MaLo?
Zeit Stimmen Zeitzone, Intervall und Abrechnungszeitraum?
Qualität Ist der Wert gemessen, ersatzgebildet oder korrigiert?
Produkt/OBIS Passt die Kennzahl zur Richtung und Wertart?

Bei Wechselrichtern, Speichern und steuerbaren Anlagen kann sich die Richtung sehr schnell ändern. Für die Marktkommunikation genügt deshalb kein einzelner Momentanwert. Benötigt werden die nach dem Messkonzept vorgesehenen Zeitreihen oder Zählerstände.

Häufige Missverständnisse

  • „Einspeisung ist immer PV.“ Nein. Auch Speicher, KWK-Anlagen oder andere Erzeuger können einspeisen.
  • „Bezug bedeutet immer Haushaltsverbrauch.“ Nein. Auch das Laden eines Speichers oder einer Wärmepumpe kann Bezug verursachen.
  • „Eine Anlage ist eine MaLo.“ Nicht zwingend. Technische Anlagen und Marktobjekte haben unterschiedliche Zwecke.
  • „Minus heißt falscher Zählerstand.“ Nicht automatisch. Minus bezeichnet häufig die definierte Lieferrichtung der Messgröße.
  • „Ein Vertrag bestimmt die physikalische Richtung.“ Nein. Der Vertrag verarbeitet oder vergütet Mengen; die Richtung wird am Messpunkt ermittelt.

Quellen und Einordnung

Die verwendeten OBIS-Bezeichnungen folgen der von der Bundesnetzagentur veröffentlichten Codeliste sowie den EDI@Energy-Formatständen. Die BNetzA weist außerdem darauf hin, dass Entnahme und Einspeisung messtechnisch erfasst und bilanziert werden müssen. Für konkrete Messkonzepte gelten zusätzlich die technischen Anschlussregeln und die Vereinbarungen mit Netz- und Messstellenbetreiber.

Primärquellen zum Nachlesen