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Kurzantwort
Marktkommunikation ist der standardisierte, elektronische Austausch zwischen Marktpartnern im deutschen Strommarkt. Sie sorgt dafür, dass dieselbe fachliche Änderung – etwa ein Lieferantenwechsel, ein Zählerwechsel oder die Bereitstellung von Messwerten – bei allen zuständigen Unternehmen nachvollziehbar und fristgerecht verarbeitet wird. Sie ist kein einzelnes IT-Produkt und keine Nachrichtenschnittstelle allein: Prozessvorgaben, Marktrollen, Datenformate, Fristen und fachliche Prüfungen gehören zusammen.
Für SAP-IS-U-Berater ist diese Perspektive entscheidend. Eine eingehende Nachricht ist erst dann fachlich richtig verarbeitet, wenn der dazugehörige Prozess, die Zuordnung von Markt- und Messobjekten sowie die Folgeprozesse im Abrechnungssystem stimmig sind.
Wozu Marktkommunikation dient
Strom wird physisch im Netz transportiert; kaufmännisch wird seine Entnahme oder Einspeisung Marktrollen, Verträgen und Bilanzkreisen zugeordnet. Diese Zuordnung muss unternehmensübergreifend einheitlich erfolgen. Deshalb regelt die Marktkommunikation unter anderem:
- die Belieferung einer Marktlokation durch einen Lieferanten,
- Prozesse im Messwesen und die Übermittlung von Werten,
- die Bilanzierung und Abrechnung von Energiemengen,
- die Austauschformate und die Rückmeldungen zu deren technischer und fachlicher Verarbeitung.
Die Bundesnetzagentur legt dafür die verbindlichen Prozesse fest. Wichtige Dokumentenfamilien sind GPKE (Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität), WiM Strom (Wechselprozesse im Messwesen Strom) und MaBiS (Marktregeln für die Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom). Die früher eigenständigen MPES-Prozesse für erzeugende Marktlokationen wurden zum 6. Juni 2025 in die GPKE überführt.
Lieferbeginn · Lieferende · Stammdaten · Konfigurationen
Messstellenbetrieb · Konfigurationen · Werte und Zählerstandsgänge
Zeitreihen · Aggregation · Bilanzkreisabrechnung
EDIFACT als Nachrichteninhalt · AS4 + Smart-Metering-PKI für den sicheren 1:1-Transport
Die Bahnen sind eigenständige Regelwerke. Die Pfeile zeigen Nachrichtenaustausch zwischen Marktrollen – keinen physikalischen Stromfluss.
Rollen: Wer kommuniziert mit wem?
Die konkrete Kommunikation richtet sich nicht nach der Kundensicht, sondern nach Marktrollen. Ein Unternehmen kann mehrere Rollen innehaben; in einem einzelnen Prozess ist trotzdem klar zu trennen, in welcher Rolle es sendet oder empfängt.
| Rolle | Fachliche Verantwortung im Kontext der Marktkommunikation |
|---|---|
| Lieferant (LF) | Beliefert die Marktlokation kaufmännisch und stößt beispielsweise einen Lieferbeginn oder Lieferendeprozess an. |
| Netzbetreiber (NB) | Ordnet Marktlokationen im eigenen Netz zu und verantwortet netzbezogene Prozessschritte. |
| Messstellenbetreiber (MSB) | Verantwortet den Messstellenbetrieb und nimmt an den Wechselprozessen im Messwesen teil. |
| Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) | Ist unter anderem für die Regelzone und bilanzierungsbezogene Aufgaben relevant. |
| Bilanzkreisverantwortlicher (BKV) | Trägt die Verantwortung für einen Bilanzkreis und ist in MaBiS-Prozessen beteiligt. |
Die Marktrolle beschreibt also die Prozessverantwortung, nicht die Organisationsform. „Der Kunde“, der Anschlussnutzer oder ein Anlagenbetreiber kann Auslöser eines Vorgangs sein, ist aber nicht automatisch Sender oder Empfänger einer Marktnachricht.
Die wichtigsten Prozessgebiete
GPKE: Belieferung und Zuordnung
GPKE beschreibt die Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität. Im Zentrum steht die Frage: Welcher Lieferant ist ab wann einer Marktlokation zugeordnet? Dazu gehören unter anderem Lieferbeginn, Lieferende, Lieferantenwechsel, Ein- und Auszüge sowie Stammdatenprozesse. Seit dem 6. Juni 2025 ist der beschleunigte werktägliche Lieferantenwechsel in 24 Stunden in den GPKE-Prozessen umgesetzt. Das bedeutet nicht, dass jede Kundenanfrage zwingend am selben Kalendertag beliefert wird: Vertragsrechtliche Fragen und die zulässige zeitliche Einordnung des Vorgangs bleiben davon zu unterscheiden.
WiM Strom: Messwesen und Werte
WiM Strom beschreibt Wechselprozesse im Messwesen. Dazu zählen beispielsweise Vorgänge rund um Messstellenbetrieb, Messkonfigurationen und die Anforderung beziehungsweise Übermittlung von Werten. Die Prozesssicht verhindert einen häufigen Fehler: Messwerte sind nicht bloß Zählerdaten für die Abrechnung. Sie haben einen definierten Sender, Empfänger, Verwendungszweck, Zeitraum und Status und können damit fachliche Folgeprozesse auslösen.
MaBiS: Bilanzierung
MaBiS regelt die Durchführung der Bilanzkreisabrechnung Strom. Hier geht es um die Zuordnung und Aufbereitung energiewirtschaftlich relevanter Mengen für Bilanzierungszwecke. MaBiS ist nicht mit einer Lieferantenrechnung gleichzusetzen. Die Bilanzierung verarbeitet Zeitreihen und Aggregationen für das Bilanzkreissystem; die Kunden- oder Netznutzungsabrechnung ist davon fachlich abzugrenzen, auch wenn sie auf zusammenhängenden Daten aufbaut.
Vom Anlass zur bestätigten Verarbeitung
Ein Marktprozess lässt sich in fünf Fragen zerlegen. Diese Reihenfolge ist für Analyse und Test wesentlich hilfreicher als der Blick auf eine einzelne EDIFACT-Datei.
- Was ist fachlich passiert? Beispielsweise zieht ein Letztverbraucher ein, ein Liefervertrag beginnt oder ein Messwert wird bereitgestellt.
- Welches Marktobjekt ist betroffen? In der Regel ist die Marktlokation der kaufmännische Bezugspunkt; die Messlokation beschreibt den Ort der Messung.
- Welche Rolle hat welchen Prozessschritt auszuführen? Die Prozessbeschreibung legt Sender, Empfänger, Fristen, Prüfungen und Folgeaktionen fest.
- Wie wird der Schritt ausgetauscht? Das passende Nachrichtenformat und Anwendungshandbuch bestimmen Struktur und Semantik der Nachricht.
- Woran ist das Ergebnis erkennbar? Technische Syntaxprüfung, fachliche Verarbeitbarkeitsprüfung und die anschließende Geschäftsantwort sind getrennt zu bewerten.
Ein abgewiesener Prozess ist daher kein bloßes Schnittstellenproblem. Er kann durch eine fehlerhafte Identifikation, einen nicht passenden Prozesszeitpunkt, unvollständige Stammdaten oder eine nicht zulässige fachliche Konstellation verursacht sein.
Daten und Identifikatoren
Marktlokation und Messlokation
Eine Marktlokation ist der Ort, an dem Energie erzeugt oder verbraucht wird; sie wird durch die MaLo-ID identifiziert. Die Bundesnetzagentur beschreibt die MaLo-ID als dauerhaft für die Marktlokation, solange diese existiert; der Netzbetreiber vergibt sie.
Eine Messlokation ist dagegen der Ort, an dem Energie gemessen wird, einschließlich der technischen Einrichtungen zur Ermittlung und gegebenenfalls Übermittlung von Messwerten. Ihre Identifikation ist nicht dieselbe wie die MaLo-ID. Die Unterscheidung ist in Projekten besonders wichtig: Eine Marktlokation kann mit einer oder mehreren Messlokationen in Beziehung stehen. Ein „Zähler“ ist deshalb kein Ersatzbegriff für das Marktobjekt Marktlokation.
Weitere Daten, die in einem Prozess relevant sein können, sind unter anderem Zeitpunkte der Zuordnung, Rollen- und Marktpartneridentifikationen, Bilanzierungsdaten, Messwerte samt Status und die Prozessreferenzen aus den Nachrichten. Welche Felder erforderlich oder zulässig sind, ergibt sich nicht aus einer pauschalen Feldliste, sondern aus dem jeweiligen Anwendungshandbuch und der konkreten Prozessausprägung.
Nachrichtentypen und ihre Aufgabe
Die in Deutschland verwendeten EDIFACT-Ausprägungen werden über EDI@Energy-Dokumente beschrieben. Häufige Nachrichtentypen sind:
| Nachrichtentyp | Zweck im groben Überblick |
|---|---|
UTILMD |
Austausch von energiewirtschaftlichen Stammdaten und Prozessinformationen, etwa im Umfeld von Zuordnungs- und Stammdatenprozessen. |
MSCONS |
Übermittlung von gemessenen oder aufbereiteten Verbrauchs- und Energiewerten. |
INVOIC |
Austausch von Rechnungen und Gutschriften. |
CONTRL |
Rückmeldung zur Syntax und zum Austausch einer EDIFACT-Übertragung. |
APERAK |
Rückmeldung zur Verarbeitbarkeit auf Anwendungsebene. |
Diese Zuordnung ersetzt keine Prozessprüfung. Eine UTILMD ist nicht automatisch ein Lieferantenwechsel, und eine syntaktisch akzeptierte Nachricht ist nicht automatisch fachlich verarbeitet. Im Projektalltag sollten Nachrichtentyp, Prüfidentifikator, Richtung, Auslöser und erwartete Folgeaktion immer zusammen dokumentiert werden.
SAP-IS-U-Bezug: Fachprozess vor Systemobjekt
SAP IS-U bildet Kunden-, Vertrags-, Anschluss-, Anlagen-, Mess- und Abrechnungsinformationen ab. Die Marktkommunikation verbindet diese interne Sicht mit der standardisierten Außenkommunikation. In der Praxis treffen mindestens drei Ebenen aufeinander:
- Fachlichkeit: Welche Marktrolle handelt? Welcher GPKE-, WiM- oder MaBiS-Prozess ist anzuwenden?
- Stammdaten: Lassen sich Marktlokation, Messlokation, Vertrag, Anlage, Messkonfiguration und Marktpartner fachlich korrekt zuordnen?
- Integration und Verarbeitung: Kann eine eingehende Nachricht technisch gelesen, fachlich geprüft, protokolliert und in die vorgesehenen Folgeprozesse überführt werden?
Ein tragfähiges Konzept startet deshalb nicht mit einer Transaktion oder einem Mapping-Feld. Es beschreibt zuerst den externen Prozess und seine Sollzustände. Daraus folgen die benötigten SAP-Objekte, Validierungen, Fehlerklärungen, Rollenberechtigungen und Testfälle. Die konkrete Systemausprägung hängt von Produktstand, Add-ons und der gewählten Integrationsarchitektur ab; allgemeingültige Transaktionscodes wären dafür nicht belastbar.
Praxisbeispiel: Einzug mit neuem Liefervertrag
Eine Person zieht in eine Wohnung ein und schließt einen Stromliefervertrag. Der Lieferant benötigt für den energiewirtschaftlichen Teil die korrekte Marktlokation und meldet den Vorgang nach dem einschlägigen GPKE-Prozess an den zuständigen Netzbetreiber.
Der Netzbetreiber prüft unter anderem, ob die Marktlokation im eigenen Netz liegt, ob die Anfrage zum angefragten Zeitpunkt zulässig ist und welche Zuordnung besteht. Abhängig vom Prozess werden die vorgesehenen Marktrollen eingebunden und die Ergebnisinformationen zurückgemeldet. Messwerte für Abgrenzung und Abrechnung folgen in den dafür vorgesehenen Messprozessen; sie sind nicht automatisch Bestandteil jeder Lieferbeginn-Nachricht.
Für die SAP-IS-U-Analyse ergeben sich daraus konkrete Fragen:
- Ist die Marktlokation in den Stammdaten zweifelsfrei zuordenbar?
- Passt der gewünschte Beginn zum Vertrags- und Prozesszeitpunkt?
- Welche Rückmeldung beendet den fachlichen Vorgang, welche lediglich die technische Annahme?
- Welche Folgeaktion ist bei positiver Rückmeldung erforderlich, und wie wird eine Ablehnung nachvollziehbar bearbeitet?
- 1
Vertraglicher AnlassEinzug oder gewünschter Lieferbeginn
- 2
GPKE-ProzessAnmeldung und fachliche Prüfung der Zuordnung
- 3
ProzessergebnisAntwort des Netzbetreibers an den Lieferanten
- 4
Eigener MesswertstrangWerte nur im jeweils vorgesehenen Prozess
Typische Missverständnisse
„Marktkommunikation ist dasselbe wie EDIFACT.“
EDIFACT beschreibt die strukturierte Nachricht. Marktkommunikation umfasst zusätzlich die regulatorisch festgelegte Prozesslogik, Rollen, Fristen und Prüfungen.
„MaLo-ID und Zählernummer sind austauschbar.“
Nein. Die MaLo-ID identifiziert die Marktlokation; die Messlokation und ihr Messaufbau sind davon fachlich getrennt zu betrachten.
„CONTRL positiv heißt: fachlich erledigt.“
Nein. Eine Rückmeldung zur Syntax beziehungsweise Übertragung beantwortet nicht automatisch die fachliche Verarbeitbarkeit oder das Ergebnis des Geschäftsprozesses.
„Lieferantenwechsel in 24 Stunden bedeutet sofortigen Vertragswechsel.“
Der beschleunigte Prozess betrifft die werktägliche Marktkommunikation. Rechtliche Vertragsfragen und die fachliche Bestimmung des Lieferbeginns sind eigenständig zu bewerten.
„Eine erfolgreiche Schnittstelle beweist einen richtigen Prozess.“
Eine fehlerfreie Übertragung kann dennoch zu einer fachlich falschen Zuordnung, einem falschen Zeitpunkt oder einer fehlenden Folgeaktion führen. Fachliche Ende-zu-Ende-Tests bleiben erforderlich.
Quellen und Pflegehinweis
Die Bundesnetzagentur veröffentlicht die Festlegungen und Mitteilungen zur Marktkommunikation. EDI@Energy veröffentlicht die Format- und Anwendungshandbücher. Da sich Prozesse und Formate weiterentwickeln, muss bei Konzeption, Customizing und Test jeweils die zum Stichtag gültige Fassung geprüft werden.
- Bundesnetzagentur: Netzzugang Strom und Marktkommunikation
- Bundesnetzagentur: Beschluss BK6-22-024
- Bundesnetzagentur: GPKE Teil 1
- Bundesnetzagentur: Mitteilung Nr. 40 zu Datenformaten
- Bundesnetzagentur: Anwendungshilfe MaLo-ID
- EDI@Energy: Datenformate für die Marktkommunikation
Abrufdatum aller Quellen: 7. September 2026.
Primärquellen zum Nachlesen
- Bundesnetzagentur – Netzzugang Strom und Marktkommunikationbundesnetzagentur.de
- Bundesnetzagentur – Beschluss BK6-22-024 zum Lieferantenwechsel in 24 Stundenbundesnetzagentur.de
- Bundesnetzagentur – GPKE Teil 1, einführende Prozessbeschreibungbundesnetzagentur.de
- Bundesnetzagentur – Marktkommunikation 2020bundesnetzagentur.de
- Bundesnetzagentur – Mitteilung Nr. 40 zu Datenformaten der Marktkommunikationbundesnetzagentur.de
- Bundesnetzagentur – Marktlokations-IDbundesnetzagentur.de
- EDI@Energy – Datenformate für die Marktkommunikationedi-energy.de
