Orte und Zuordnungen

Energiesystem & Netze

Netzanschluss und Entnahmestelle – technische und marktliche Grundlagen

Wie Netzanschluss, Entnahmestelle, Marktlokation und Messlokation zusammenhängen und warum die Begriffe in Energiewirtschaft und SAP IS-U getrennt werden müssen.

Umspannwerk und Stromleitungen in einer deutschen Landschaft
Netzinfrastruktur verbindet Erzeugung, Transport und Verbrauch.
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Kurzantwort

Ein Netzanschluss ist die technische Verbindung einer Kundenanlage oder Erzeugungsanlage mit dem öffentlichen Netz. Er beschreibt unter anderem den Anschlusspunkt, die Spannungsebene, Leitungen, Schalt- und Schutzeinrichtungen sowie die zulässige Entnahme- oder Einspeiseleistung. Eine Entnahmestelle ist dagegen der Ort, an dem ein Letztverbraucher, Weiterverteiler oder eine nachgelagerte Netz- oder Umspannebene elektrische Energie aus einer Netz- oder Umspannebene entnimmt. Der Netzanschluss ist also die technische Anbindung; die Entnahmestelle bezeichnet den energiewirtschaftlich relevanten Ort der Entnahme.

Für die Marktkommunikation kommen weitere, präzise definierte Objekte hinzu: Die Marktlokation (MaLo) ist der marktliche Bezugspunkt für Erzeugung oder Verbrauch und wird mit der MaLo-ID identifiziert. Die Messlokation (MeLo) beschreibt den Ort, an dem Messwerte entstehen. Die Netzlokation (NeLo) ordnet eine Marktlokation der Netzanbindung und damit der technischen Netzsicht zu. Diese Begriffe können in einer einfachen Anlage räumlich nahe beieinanderliegen, sind aber weder synonym noch beliebig austauschbar.

Ein Anschluss, mehrere FachsichtenOrt, Messung und Markt sauber trennen
Netzanschlussphysische Verbindung
Netzebene→Übergabepunkt→Verbrauchsanlage

Leitungen, Schalt- und Schutztechnik verbinden die Kundenanlage mit dem Netz. Der Anschluss beschreibt die technische Übergabe, nicht automatisch die Marktrolle.

EntnahmestelleOrt der Entnahme
Netz- oder Umspannebene→Entnahme elektrischer Energie

Die StromNEV verwendet den Begriff für den Ort, an dem ein Letztverbraucher, Weiterverteiler oder die nachgelagerte Ebene Energie aus dem Netz entnimmt.

Marktlokation (MaLo)Belieferung & Bilanzierung
Entnahme oder Einspeisung⇄MaLo-ID→Lieferant / BKV

Die MaLo ist das marktliche Objekt. Sie kann mit einer Entnahmestelle beziehungsweise Einspeisestelle verbunden sein, ist aber kein Zähler und keine Netzebene.

Messlokation (MeLo)Messung & Messwerte
Messeinrichtung→Messwert→Marktprozesse

Die MeLo bezeichnet den Ort der Messung samt technischer Einrichtung. Eine MaLo und eine MeLo können im einfachen Fall eng zusammenfallen, bleiben aber unterschiedliche Begriffe.

Merksatz: Der Netzanschluss erklärt, wie die Anlage angebunden ist; die Entnahmestelle, wo Energie entnommen wird; MaLo und MeLo, wie Markt und Messung darauf Bezug nehmen.

Der Netzanschluss: technische Verbindung zum Netz

Der Netzanschluss beginnt dort, wo eine Anlage mit dem Netz eines Netzbetreibers verbunden wird. In der Praxis gehören dazu nicht nur ein Kabel oder eine Freileitung, sondern auch Übergabepunkte, Schaltgeräte, Sicherungen, Transformatoren, Schutztechnik und die vertraglich beziehungsweise technisch vereinbarte Anschlussleistung. Welche Komponenten dem Netzbetreiber oder dem Anschlussnehmer zugeordnet sind, richtet sich nach den Anschlussbedingungen und dem konkreten Anschlusskonzept.

Der Anschlussnehmer ist typischerweise derjenige, der die rechtliche oder wirtschaftliche Verfügungsgewalt über das Grundstück oder die bauliche Anlage hat. Der Anschlussnutzer nutzt den Anschluss für die Entnahme oder Einspeisung. Beide Rollen können zusammenfallen, müssen es aber nicht: In einem Mietobjekt kann der Eigentümer Anschlussnehmer und der Mieter Anschlussnutzer sein. Der Lieferant ist wiederum eine Marktrolle für die Belieferung und nicht automatisch Eigentümer des Anschlusses.

Technisch wichtig sind insbesondere:

  • der Anschlusspunkt und die Eigentumsgrenze zwischen Netz und Kundenanlage,
  • die Netz- oder Umspannebene, an der angeschlossen wird,
  • die vereinbarte maximale Entnahme- und gegebenenfalls Einspeiseleistung,
  • das Mess- und Schutzkonzept sowie
  • die Anforderungen an Betrieb, Erweiterung und Änderung der Anlage.

Ein neuer Anschluss, eine Leistungserhöhung, eine Wärmepumpe, eine Ladeeinrichtung oder eine Photovoltaikanlage können deshalb eine technische Prüfung durch den Netzbetreiber auslösen. Der Anschluss bleibt dabei ein physisches Objekt, auch wenn sich Lieferant, Messstellenbetreiber oder Vertragsverhältnisse ändern.

Entnahmestelle und Abnahmestelle

Die Stromnetzentgeltverordnung definiert die Entnahmestelle als den Ort der Entnahme elektrischer Energie aus einer Netz- oder Umspannebene durch Letztverbraucher, Weiterverteiler oder die jeweils nachgelagerte Netz- oder Umspannebene. Der Begriff ist damit auf die Richtung aus dem Netz heraus bezogen. Bei einer Erzeugungsanlage wird fachlich von einer Einspeisung gesprochen; bei bidirektionalen Anlagen können Bezug und Einspeisung im Messkonzept gemeinsam betrachtet werden.

Die Abnahmestelle ist davon zu unterscheiden. Sie kann nach StromNEV mehrere räumlich und physikalisch zusammenhängende Einrichtungen eines Letztverbrauchers auf einem abgeschlossenen Betriebsgelände umfassen, die über einen oder mehrere Entnahmepunkte mit dem Netz verbunden sind. Eine Abnahmestelle kann somit mehrere Entnahmestellen beziehungsweise Entnahmepunkte zusammenfassen. Das ist vor allem für Netzentgelte, Lasten und industrielle Standorte relevant.

Im Alltag werden „Abnahmestelle“, „Entnahmestelle“, „Anschluss“ und „Zähler“ oft vermischt. Für eine belastbare Analyse sollte zuerst feststehen, welcher Kontext gemeint ist: technische Netzanbindung, gesetzliche Entnahme-Definition, Messung oder kaufmännische Belieferung. Ein Zähler misst an einer Messstelle; er definiert nicht allein, wie viele Entnahmestellen oder Marktlokationen vorliegen.

Netzebene, Umspannebene und Netzlokation

Die Netzebene beschreibt nach StromNEV den Bereich eines Elektrizitätsversorgungsnetzes, in dem Energie in Höchst-, Hoch-, Mittel- oder Niederspannung übertragen oder verteilt wird. Eine Umspannebene ist der Bereich, in dem die Spannung zwischen zwei Ebenen geändert wird, etwa im Umspannwerk oder in einer Ortsnetzstation.

Für die technische Einordnung genügt die grobe Kette Höchstspannung, Hochspannung, Mittelspannung und Niederspannung nicht immer. Entscheidend ist der konkrete Anschlusspunkt: Ein Gewerbebetrieb kann in Mittelspannung angeschlossen sein, während ein Haushalt typischerweise über die Niederspannung versorgt wird. Große Erzeugungsanlagen, Speicher und Ladeinfrastruktur können je nach Leistung auf unterschiedlichen Ebenen angeschlossen werden.

Die Netzlokation (NeLo) ist im Marktmodell die netzbezogene Zuordnung einer Marktlokation. Sie beantwortet eine andere Frage als die MaLo: Nicht „wo wird Energie verbraucht oder erzeugt und bilanziert?“, sondern „wie ist dieses Marktobjekt an das Netz angebunden und in welcher Netzsicht liegt es?“. In Marktprozessen können Beziehungen zwischen MaLo, MeLo und NeLo deshalb wichtiger sein als die sichtbare Geräteanordnung vor Ort.

Marktlokation: der Bezugspunkt für Belieferung und Bilanzierung

Die Bundesnetzagentur beschreibt die Marktlokation als eine Einspeise- oder Entnahmestelle, an der Energie erzeugt oder verbraucht wird. Sie ist ein marktliches Konstrukt und wird durch den Netzbetreiber mit einer eindeutigen MaLo-ID versehen. An ihr setzen beispielsweise Lieferbeginn, Lieferende, Lieferantenwechsel, Einspeisezuordnung und Bilanzierung an.

Die MaLo-ID ist daher weder die Kundennummer des Lieferanten noch die Seriennummer eines Zählers. Sie bleibt für die Marktlokation grundsätzlich bestehen, solange diese existiert. Ändert sich ein Messgerät, muss das nicht automatisch eine neue MaLo bedeuten. Umgekehrt kann eine Änderung der Marktstruktur oder des Messkonzepts Beziehungen verändern, ohne dass das Gebäude oder die Netzleitung umgebaut wird.

Bei einer einfachen Wohnung kann die Marktlokation faktisch einer einzelnen Verbrauchssituation entsprechen. Bei einer PV-Anlage mit Eigenverbrauch, einem Speicher, Unterzählern oder mehreren Übergabepunkten wird die Modellierung anspruchsvoller. Dann muss nachvollziehbar sein, welche Mengen an welcher MaLo bilanziert und aus welcher MeLo sie abgeleitet werden.

Messlokation: der Ort, an dem Messwerte entstehen

Die MeLo beschreibt den Ort der Messung einschließlich der technischen Einrichtungen, die für die Ermittlung und gegebenenfalls Übermittlung der Messwerte erforderlich sind. Dazu können moderne Messeinrichtungen, intelligente Messsysteme, Wandler und Kommunikationstechnik gehören. Das Messstellenbetriebsgesetz ordnet dem Messstellenbetrieb unter anderem Einbau, Betrieb und Wartung, mess- und eichrechtskonforme Messung, Messwertaufbereitung und Datenübertragung zu.

Eine MeLo beantwortet somit die Messfrage: Welche technische Messung erzeugt welchen Wert, in welcher Richtung, mit welcher Auflösung und welchem Status? Die MaLo beantwortet die Marktfrage: Welches Verbrauchs- oder Einspeiseobjekt wird beliefert, bilanziert oder abgerechnet? Im Standardfall können MaLo und MeLo eng verbunden sein. Fachlich bleiben sie getrennte Objekte; insbesondere darf die MeLo-ID nicht als MaLo-ID behandelt werden.

Der Messstellenbetreiber führt die Messstelle und stellt Messwerte nach den geltenden Prozessen bereit. Der Netzbetreiber benötigt sie für netzbezogene Aufgaben, der Lieferant für seine Abrechnung und Marktprozesse, und der Bilanzkreisverantwortliche für die Bilanzierung. Jede Nutzung setzt dabei die passende Zuordnung, Rolle und Prozesslogik voraus.

Zusammenspiel in einem Praxisfall

Betrachtet wird ein Einfamilienhaus mit Netzanschluss, Wärmepumpe und Photovoltaikanlage. Der Netzanschluss verbindet das Gebäude mit dem Niederspannungsnetz. Die Entnahmestelle ist der Ort, an dem das Haus Energie aus dem Netz bezieht. Bei Sonneneinstrahlung kann zugleich Energie in das Netz eingespeist werden.

Das Messkonzept legt fest, welche Messlokation oder welche Messlokationen die relevanten Energieflüsse erfassen. Die verbrauchs- und einspeiseseitigen Marktobjekte werden als Marktlokationen modelliert und mit MaLo-IDs identifiziert. Die Netzlokation ordnet diese Marktobjekte der technischen Netzanbindung zu. Der Lieferant verarbeitet die Belieferung des Bezugsobjekts; ein Einspeiseprozess und die Bilanzierung berücksichtigen die Erzeugungsseite. Der Messstellenbetreiber stellt die dafür erforderlichen Messwerte bereit.

Physikalisch kann der PV-Strom zunächst direkt die Wärmepumpe versorgen. Kaufmännisch wird aber anhand des Mess- und Marktmodells bestimmt, welche Energiemenge als Eigenverbrauch, Netzbezug oder Einspeisung berücksichtigt wird. Die sichtbare Leitung im Haus entscheidet diese Zuordnung nicht allein.

Bedeutung für Datenmodelle und Marktkommunikation

In einem Abrechnungs- oder Energiedatenmodell sollten mindestens vier Perspektiven getrennt dokumentiert werden:

  1. Anschluss: technische Anlage, Eigentumsgrenzen, Leistung, Netz- und Umspannebene.
  2. Entnahme oder Einspeisung: energiewirtschaftlicher Ort und Richtung des Energieflusses.
  3. Markt: MaLo, MaLo-ID, Lieferant, Bilanzkreis und zeitliche Zuordnungen.
  4. Messung: MeLo, Messeinrichtung, Messkonzept, Messwerte und Messstellenbetreiber.

Die Marktkommunikation verbindet diese Sichten über definierte Rollen, Prozesse und Nachrichten. Ein Lieferantenwechsel bezieht sich typischerweise auf die Marktlokation. Ein Gerätewechsel betrifft zunächst die Messsicht. Eine Leistungserhöhung betrifft zunächst den Netzanschluss, kann aber anschließend Auswirkungen auf Messkonzept, Marktobjekte und Abrechnung haben.

Für SAP IS-U und vergleichbare Systeme ist die Trennung ein praktischer Schutz gegen Fehler. Stammdatenänderungen sollten nicht pauschal „den Zähler“ ändern, sondern den fachlichen Auslöser identifizieren: Anschlussänderung, Messstellenänderung, Marktzuordnung oder Vertragsänderung. Erst danach lässt sich bestimmen, welche Objekte, Zeitpunkte, Nachrichten und Folgeprozesse anzupassen sind.

Typische Missverständnisse

„Netzanschluss und Entnahmestelle sind dasselbe.“
Der Anschluss bezeichnet die technische Verbindung. Die Entnahmestelle bezeichnet den Ort der Entnahme aus einer Netz- oder Umspannebene.

„Die Entnahmestelle ist immer die Wohnung.“
Nicht zwingend. Maßgeblich ist der energiewirtschaftliche Ort der Entnahme. Ein Standort kann mehrere Entnahmepunkte haben; eine Abnahmestelle kann mehrere zusammengehörige Einrichtungen umfassen.

„MaLo, MeLo und NeLo sind drei Namen für den Zähler.“
Nein. MaLo ist der Marktbezug, MeLo der Messbezug und NeLo der Netzbezug. Ein Zähler ist eine technische Einrichtung innerhalb der Messsicht.

„Ein Zählerwechsel erzeugt automatisch eine neue MaLo.“
Nein. Ein Gerätewechsel ändert zunächst die Messausstattung. Ob sich Marktobjekte oder Beziehungen ändern, hängt vom Anschluss- und Messkonzept ab.

„Der Lieferant betreibt den Netzanschluss.“
Der Netzbetreiber verantwortet den Netzbetrieb und die netzbezogenen Anschlussbedingungen. Der Lieferant übernimmt die kaufmännische Belieferung; der Messstellenbetreiber verantwortet den Messstellenbetrieb.

„Eigenverbrauch ist nur eine physikalische Frage.“
Die unmittelbare Nutzung vor Ort ist physikalisch. Welche Mengen bilanziert, gemeldet und abgerechnet werden, bestimmt zusätzlich das gültige Mess- und Marktmodell.

Quellen und Pflegehinweis

Die Begriffe und Beziehungen sollten bei fachlichen Konzepten immer gegen die zum Stichtag gültigen Fassungen der BNetzA-Prozessdokumente und Gesetze geprüft werden. Besonders GPKE, Messwesen und technische Anschlussregeln können weiterentwickelt werden. Die Quellen im Frontmatter dienen als Einstieg und Nachweis; sie ersetzen keine Prüfung des konkreten Anschluss- und Messkonzepts.

Abrufdatum der Online-Quellen: 8. September 2026.

Primärquellen zum Nachlesen